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Zwischen Welten

Ein junger Kämpfer der YPG (Volksverteidigungseinheit) in Kobane im Nordosten von Syrien.

Ein junger Kämpfer der YPG (Volksverteidigungseinheit) in Kobane im Nordosten von Syrien.

Der italienische Fotograf Giacomo Sini erzählt mit seinen Fotos von den Menschen, denen er auf seinen zahlreichen Reisen begegnet ist. Kürzlich war er in Luxemburg zu Gast.

Wer Giacomo Sini verstehen möchte, der folge seinen Worten. Es sei unmöglich, die Blicke der Menschen zu vergessen, denen er unterwegs begegnet sei, sagt er. Nach seiner Reise über die historische Seidenstraße von Zentralasien nach Europa schrieb er: „Nachdem ich lange durch Irakisch-Kurdistan, die Türkei und den Balkan gewandert bin, schlafe ich auf den Sitzen eines Schiffes ein, das über die Adria zieht. Während ich mich zwischen den Wellen wiege, erinnere ich mich an die letzten Tage in meinem geliebten Istanbul, wo ich eine Weile gelebt habe, an die Maulbeerdüfte, die ich in Zentralasien einatmete und an den letzten Schluck einer nostalgischen Tasse iranischen Tees.“

Diese Worte aus seiner Reportage, die die revue im vergangenen Jahr veröffentlichte, sagen einiges über die Leidenschaft des 1989 in Pisa geborenen und in Livorno aufgewachsenen Fotografen aus. Etwa 50 Länder hat er besucht, die meisten davon im Nahen und Mittleren Osten. Seine Passion gilt dieser Region. „Es sind die Düfte in den Straßen der Städte und Dörfer sowie die Gastfreundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen“, sagt er, während wir uns lange über seine Reisen unterhalten. „Beides habe ich nirgendwo anders auf der Welt auf diese Weise empfunden.“ In seinen Worten schwingt die Sehnsucht mit zu reisen, unterwegs zu sein. Am besten zu verstehen ist er jedoch durch seine Fotos. Sie bezeugen seine Empathie für die Menschen, denen er begegnete.

In manchen Ländern glauben Menschen, dass ihnen die Seele geraubt werde, wenn sie fotografiert werden, heißt es. Das hat mir die brasilianische Fotografin Claudia Andujar von den Yanomami erzählt. Die heute 90-jährige, Nachfahrin rumänischer und ungarischer Juden, einst vor den Nazis nach Übersee geflohen, hat ihr Leben dem Kampf für das indigene Volk verschrieben, das lange Zeit keine Stimme in der Öffentlichkeit des südamerikanischen Landes hatte. Claudia Andujars Fotos wurden schon als „Kunst der Menschlichkeit“ beschrieben. Bei Giacomo Sini ist es ähnlich. Der 31-Jährige begegnet den Menschen mit besonderer Einfühlsamkeit. Er nimmt sich Zeit für sie, lässt sich auf sie ein, spricht zu ihnen – und lässt ihnen ihre Würde.

„Dies ist eine nicht zu unterschätzende Eigenschaft, die ein guter Fotograf haben sollte“, sagte mir einmal ein anderer Fotokünstler. „Die Empathie des fotografischen Blicks“ heißt nicht zufällig zurzeit eine Ausstellung in München mit Fotos von Sebastião Salgado. Diese Stärke seines Mediums tritt gerade in der sozialdokumentarischen Fotografie des US-Amerikaners Walker Evans zutage, aber auch im Werk von dessen Landsmann Danny Lyon, der als „romantischer Revolutionär der sozialen Fotografie“ gilt und selbst anlässlich einer Retrospektive in Berlin sagte: „Alles, was ich mache, handelt von dem Kampf, frei zu sein.“

Im Frühjahr 2019 war Giacomo Sini zusammen mit der iranischen Journalistin und Soziologin Monir Ghaedi in einem Flüchtlingscamp im Nordirak, wo junge jesidische Frauen, die von traumatischen Erinnerungen an Krieg, sexualisierte Gewalt und Vertreibung geprägt sind, zu boxen lernten. Im selben Jahr war er bei Flüchtenden auf Malta, die Monate und Jahre auf der Mittelmeerinsel verbringen, ohne zu wissen, wie und wo es für sie weitergeht („Insel der Ungewissheit“, revue 33/2019). Die Migration hat Sini von Anfang seiner fotografischen Arbeit an beschäftigt. Es ist zu einem bedeutenden Thema geworden. Vergangenes Jahr publizierte die revue seine Fotoreportage über afrikanische Migranten, die zusammen mit bedürftigen Italienern eine alte Villa besetzten („Villa Zuflucht“). Zu Beginn der Corona-Krise lieferte er der revue einen Zustandsbericht aus dem von der Pandemie stark betroffenen Italien, als er aus seiner Heimatstadt Livorno und über den Alltag der Menschen im Lockdown berichtete. ( „Leben in der ‚roten Zone‘“).

„Boxende Schwestern“ im Flüchtlingslager von Rwanga im irakischen Kurdistan.

„Boxende Schwestern“ im Flüchtlingslager von Rwanga im irakischen Kurdistan.

„Für mich geht es nicht nur darum, einfach etwas zu dokumentieren“, sagt Giacomo. Ich bin bewegt von Geschichten, die aus der Nähe erzählt werden müssen, und die andererseits oft nur aus der Ferne berichtet oder mittels politischer Analysen behandelt werden. „Ich glaube nicht an die sogenannte ‘Objektivität’ des Fotojournalismus. Es gilt, eine Position einzunehmen, Partei zu ergreifen für eine Idee und Menschen eine Stimme zu geben, die viel zu oft keine Stimme haben. Es ist, als würde ich mit meiner Linse und meinem Kugelschreiber den unterdrückten Menschen ein Megafon in die Hand geben, das ihre Stimme weit über die Grenzen ihres Landes hinaus tragen soll.“ Mit seinen Fotos wolle er auch Kritik üben. Manchmal könne er damit auch etwas bewirken: „Zum Beispiel berichteten mein Kollege Francesco Bassano und ich über die Missstände in dem Flüchtlingslager von Idomeni“, erzählt er. „Kurz darauf entschieden die griechischen Autoritäten mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk, die Jesiden in ein anderes Camp zu bringen, wo sie sicherer waren.“

Im vergangenen Monat war Giacomo in Venedig, wo er beobachtete, wie die einmal nicht von den Touristenmassen heimgesuchte Lagunenstadt langsam aus dem pandemiebedingten Dornröschenschlaf erwachte. Auch hierbei berichtete er von den Sorgen und Ängsten der Venezianer um die Zukunft ihrer Stadt. Er selbst ist ein Nomade, der unterwegs sein muss, der aber auch einen festen Standort braucht: Livorno, jene alte Hafenstadt in der Toskana, mit der er sich verbunden fühlt und in die er immer wieder zurückkehrt. In die stolze Arbeiterstadt, einst der Hafen der Florentinischen Republik am Tyrrhenischen Meer und später Wiege der Kommunistischen Partei Italiens (KPI), waren Sinis Eltern gezogen: Seine Mutter kam aus dem nordöstlich gelegenen Lucca, sein Vater aus der Gegend von Sassari im Norden Sardiniens. Mit der Insel verbindet Sini nach wie vor viel. Seine Wurzeln hat er in dem Dorf, aus dem sein Vater stammt. Giacomo fühlt sich noch immer als Sarde. So wie die großen italienischen Kommunisten Antonio Gramsci und Enrico Berlinguer von dort kamen. Ersterer gründete die KPI vor hundert Jahren in Livorno, Letzterer kam sogar aus der Gegend um Sassari, für dessen lokalen Fußballverein das Herz von Giacomo, der sagt, er sei zwar kein Kommunist, sondern Anarchist und glühender Antifaschist, noch immer schlägt.

DSC_8443-Kopie„Ein Ereignis, das mein Leben schon früh entscheidend bestimmte, war zugleich die größte Schiffskatastrophe Italiens“, sagt er. Am 10. April 1991 war das Fährschiff „Moby Prince“ vor der Hafeneinfahrt von Livorno mit einem Öltanker kollidiert und hatte Feuer gefangen. Bei dem Unglück starben 140 Menschen. Damals starb auch Sinis Vater. Er war Schiffsingenieur. „An diesem Tag arbeitete er aber nicht“, erinnert sich Sini. „Er war als Passagier auf dem Schiff und auf dem Weg nach Sardinien, wo sein Vater im Sterben lag.“ Die Ursache der Katastrophe ist bis heute nicht geklärt. Der frühe Tod des Vaters prägte Giacomo. Lange Zeit litt er darunter. Später sollte er der Vereinigung von Angehörigen der Katastrophenopfer vorstehen.

Ich glaube nicht an die sogenannte ‚Objektivität’ des Fotojournalismus. Es gilt, eine Position einzunehmen, Partei zu ergreifen für eine Idee und Menschen eine Stimme zu geben, die viel zu oft keine Stimme haben. Giacomo Sini

Mit 19 Jahren nahm er sein Studium der Sozialwissenschaften an der Universität von Livorno auf. „In jener Zeit begann ich auch zu reisen, sowohl allein als auch mit Freunden“, erzählt er. Zu diesen Freunden zählt Dario Antonelli, ein Journalist, der bis heute mit ihm zusammenarbeitet. Giacomo Sini lebte eine Weile in Istanbul und reiste mit dem Zug bis nach Teheran. „Diese Fahrt hat mein Leben verändert. In dem Zug saß eine iranische Bahai-Familie.

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Teepause im Ayvansaray-Viertel von Istanbul.

Der Familienvater bat mich, ein paar Fotos von ihm zu machen. Ich tat dies und machte einige Notizen, um einen Artikel zu schreiben. Das war meine erste Reportage, die ich allerdings nie veröffentlicht habe. Doch dieses Erlebnis brachte mich dazu, nach Rom zu gehen und Fotojournalismus zu studieren.“

Istanbul wurde für den jungen Fotografen eine zweite Heimat. „Die Metropole ist ein Schmelztiegel“, sagt er. „So wie früher Livorno für mich ein Schmelztiegel war. Nur viel größer. Mit endlos vielen Gesichtern und Identitäten.“ Er liebt die Orte, wo all dies zusammentrifft. Nach seinen Worten „haben wir viele Identitäten, so wie ich eine sardische habe und eine aus Livorno, wohin ich alle paar Monate zurückkehren muss“. Und die eines beobachtenden Reisenden, der zwischen den Welten wandelt, der nicht nur die Atmosphäre eines Ortes in seinen Fotos widerzugeben vermag, sondern auch ein Stück weit die Gedanken und Gefühle jener Menschen, die er trifft.

Manchmal beschreibt er dies mit seinen Worten, wenn er selbst das Erlebte zu Papier bringt oder wenn man mit ihm zusammensitzt und sich stundenlang mit ihm unterhalten kann, wobei sich ein ganzer Kosmos von Eindrücken und Geschichten öffnet. Und nicht zuletzt mit seinen Fotos, wenn ein Begleiter und begnadeter Autor wie sein guter Freund und Kollege Dario Antonelli mit von der Partie ist. Giacomo Sini wirkt auf den ersten Blick zurückhaltend. Aber wenn er sich einmal öffnet, dann versteht man schnell, woher die Motivation seines Schaffens kommt.

Wenn er von den Menschen spricht, denen er begegnete, dann zeugt dies von einer gewissen Dankbarkeit ihnen gegenüber. Die schüchterne Begrüßung durch einen Eisenbahner am Kasaner Bahnhof vor der Reise von Moskau nach Taschkent, das aufrichtige Lächeln eines usbekischen Jungen. Aber auch die Nomaden in den Jurten von Kirgisistan, aber auch die boxenden jungen Frauen in jenem Lager im irakischen Kurdistan, die sich mit Fäusten gegen ihre Traumata wehren.

Text: Stefan Kunzmann  // Fotos: Giacomo Sini(4), Paulo Lobo (Porträt)

Tophane-Viertel in Istanbul.

Tophane-Viertel in Istanbul.

Author: Philippe Reuter

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